Wien nach 1945
Brettlkultur mit alten und neuen Stars


In Wien erwachte die „Brettlkultur“ in den ersten Monaten nach Kriegsende wieder, doch fehlten die „Größen“ der Kabarettszene vor dem Anschluss. Viele der ehemaligen Wiener Kabarettisten und Kleinkünstler waren emigriert, hatten den Krieg nicht überlebt oder waren in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten umgekommen. Noch kurz vor der Befreiung Wiens starb Ferdinand Leopoldi, der Bruder Hermann Leopoldis, ebenfalls Wienerlied- und Schlager-Komponist, als Gestapo-Häftling im Rothschild-Spital an den Folgen der Verhöre.

Was erwartete jene, die sich zur Rückkehr aus dem Exil entschlossen?In Wien florierte bereits nach Kriegsende das Nachtleben und mit ihm der Schwarzhandel. Lebensmittelkartenveruntreuungen und Betrügereien standen auf der Tagesordnung. Lokale, Bars und Kabaretts kamen und gingen – in Ausgleich oder in Konkurs. Schon Egon Friedell meinte, ein gutes Kabarett bewiese seine Qualität, indem es pleite ginge. Trotz des Kabarettbooms hatte man mit einer hohen Arbeitslosigkeit unter den Artisten, Komikern und Kabarettisten zu kämpfen. Es fehlte an Spielmöglichkeiten für Revuen. – Die Großvarietés waren zum Teil geschlossen, zum Teil den Bomben zum Opfer gefallen. Ein weiteres Problem stellten vor allem die vielen Laienartisten dar, die auf Schmierbühnen oder Fronttheatern aufgetreten waren und nun mit Artisten oder Varietékünstler konkurrieren zu können glaubten. Die Gewerkschaft setzte sich in der Folge für die Bekämpfung des Dilettantenwesens ein.

Als erstes unter den Etablissements öffnete bereits im Mai 1945 der „Simpl“ wieder. Aus dem ehemaligen „Wiener Werkel“ wurde im Mai/Juni 1945 im Anklang an die „Literatur am Naschmarkt“ die „Literatur im Moulin Rouge“. Der „Liebe Augustin“ wurde von Fritz Eckhardt ebenfalls bereits im Juni 1945 wiedereröffnet. Die beiden Kabaretts „Lieber Augustin“ und „Kleines Brettl“ dürften, verfolgt man die Kritiken dieser Zeit, als einzige den künstlerischen Ansprüchen Genüge getan haben.
Im Anklang an das „Kabarett der Komiker“ wurde in Wien am 30. Jänner 1948 das „Ha-De-Ko“, das „Haus der Komiker“, in der Mariahilfer Straße 105 neu eröffnet. Vor dem Krieg hatten hier Fritz Grünbaum, Erwin Engel, Armin Berg, Karl Farkas und Fritz Imhoff in der „Rakete“, einer Filiale des „Simpl“, große Erfolge gefeiert. Das Eröffnungsprogramm „HA-DE-KO serviert Faschingskrapfen“ ver-einigte Fritz Imhoff, Karl Farkas, Adi Berber und Gretl Wagner.

In Wien wurden die Remigranten zwar teilweise jubelnd empfangen, sie mussten sich aber erneut eine Existenz aufbauen – wieder standen sie vor einer unsicheren Zukunft. Karl Farkas glaubte sich bezüglich seiner Rückkehr rechtfertigen zu müssen. Neben der Aufzählung seiner Tätigkeiten in New York, versicherte er in einem Brief an Willi Forst: „Ich bringe nach erfolgreicher Arbeit alle künstlerischen und materiellen Grundlagen und viel guten optimistischen Willen – bei aller Kenntnis der momentanen Lage – mit in meine Heimat. Wollen Sie und Ihr Blatt, die ja den entscheidenden Anstoß zu meiner Überfahrt gaben, mir bitte etwas helfen, meinen Enthusiasmus in die Tat umzusetzen?“

Rückkehrer waren Hermann Leopoldi, der den von Jimmy Berg verfassten Schlager „In den kleinen Seitengassen“ in Wien zu einem Hit der Saison 1947 machte, Armin Berg, Karl Farkas, Hugo Wiener, Cissy Kraner und Stella Kadmon.

Armin Berg, der nicht zuletzt auf Einladung seines Freundes Jacques Rotter, Ende des Jahres 1949 nach Österreich zurückkehrte, führte bis 1950 einen Rückstel-lungsprozess um seine Bohème-Bar in der Dorotheergasse. 1952 fuhr er noch einmal nach New York, wo er in der Town Hall bei einer „Continental Star Parade“ auftrat. Armin Berg trug sich damals ins Stammbuch des Café Eclair ein:

Die Welt ist jetzt klein, doch schön immerhin
Heut ist man in New York und morgen in Wien
Dann sitzt man in Salzburg im Café Bazar
Dort spielt man mit Jedermann Poker sogar
Dann fährt nach Gastein man, drei Wochen zur Kur
Dann hat man genug – und dann fährt man retour
Dann trifft man sich wieder im Café Eclair
Ich wunder mich über gar nichts mehr.

..................................................................................................

Text drucken  Artikel ausdrucken